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Wittgensteins Tractatus und die Selbstbezüglichkeit der Sprache: 1987
228 S. 209

Am Ende dieses Buches bleibt dennoch die Grundsatzfrage offen und zumindest ansatzweise zu klären: Ist ein so rigoroser Ausschluss der Möglichkeit sprachlicher Verständigung über philosophische Themen (Probleme und Lösungsvorschläge), wie es die Position des TLP vorsieht und wie in diesem Buch bis dato fraglos vorausgesetzt wird (in der Tat liest sich dieses und ist größtenteils zu lesen als Plädoyer der TLP-Position, - ist dieses Verbot tatsächlich zu halten angesichts andersartiger Praxis und Notwendigkeit? Denn es gibt ja philosophische Diskussion und es muss ja die Diskussion über die verschiedenen Möglichkeiten von Sinn bzw. die Diskussion über die Möglichkeit von Sinn überhaupt, mithin die Philosophie als konsensbedürftige, aber auch konsensfähige Disziplin geben.

Die Antwort vorweg: (1) dieser Rigorismus des TLP ist in dieser Form nicht haltbar, denn die dabei vorauszusetzende Utopie der Überflüssigkeit von (philosophischer) Verständigung über Sinn (und d.h. gleichzeitig die Utopie einer problemlosen Praxis von Verständigung mit Sinn) ist prinzipiell nicht einlösbar; effektiv wird im TLP der Philosophie nicht Überflüssigkeit nachgewiesen, sondern Unmöglichkeit (Unsinnigkeit) - doch dieser Nachweis beruht auf einem beschränkten Begriff von Sprache. (2) Andererseits enthält das in diesem Rigorismus positiv ausgezeichnete Programm der Philosophie als Tätigkeit einen Ansatz, der über den TLP hinausweist und die Möglichkeit einer Philosophie als Sprachhandlungen formalisierende und deren Formen formulierende Tätigkeit eröffnet, die einerseits sehr wohl in der Kapazität von Sprache liegt, andererseits aber nicht formulierbar ist mit der Kapazität des jeweils formalisierten Sprachsystems - die Crux des TLP besteht gerade darin, dass das hier reflexiv-formalisierte Sprachsystem als (Möglichkeit von) Sprache überhaupt vorausgesetzt wird, was umso nachteiliger ist, als dieses in pragmatischer Hinsicht beschränkt ist. (3) Das positive Destillat aus diesem Rigorismus des TLP ist in der Summe der Punkte (1) und (2) die „Wahrheit" (dies ist m.E. eine der im Vorwort des TLP beanspruchten „unantastbaren und definitiven" Wahrheiten), dass philosophische Tätigkeit prinzipiell immer nur einen Bereich von Sprache (bzw. Erkenntnis oder Wirklichkeit) thematisiert und formalisiert, sodass sie sich selbst nicht als Entformalisierung dieses beschränkten Sprachsystems darstellen kann, ohne in Widersprüche zu geraten. M.a.W.: die Falle der sprachlichen Selbstbezüglichkeit schlägt dann zu, wenn die sich als Sprachsystem niederschlagende, formalisierend-formulierende philosophische Tätigkeit ihre eigene Möglichkeit von Sinn aus der gerade durch sie begrenzten Möglichkeit von Sinn abzuleiten versucht, oder wenn das schlechthin Unmögliche versucht wird: ein Sprachsystem zu formulieren, welches alle Sprachhandlungen inklusive der in der Formulierung dieses Systems getätigten philosophischen Sätze soll enthalten können.

🤖 ChatGPT-Analyse 28.09.2026 20:53

Der Abschnitt rekonstruiert und korrigiert den Rigorismus des TLP: Der generelle Ausschluss sinnvoller philosophischer Verständigung sei unhaltbar, weil er auf der Utopie reibungsloser Praxis und auf einem verengten, formalistischen Sprachbegriff beruhe. Zugleich rettet die Autorin/der Autor aus dem TLP das Programm „Philosophie als Tätigkeit“: als Formalisierung von Sprachhandlungen und ihrer Formen, die zwar sprachlich möglich ist, aber nie vollständig im je eigenen, formalisierten System formulierbar. Der Kernfehler des TLP liege darin, dieses reflexiv formalisierte System mit „Sprache überhaupt“ zu identifizieren und so Pragmatik auszublenden. Das positive Destillat: Philosophie thematisiert stets nur einen Teilbereich; versucht sie, ihre eigene Sinnmöglichkeit aus eben dieser begrenzten Sinnmöglichkeit abzuleiten oder ein allumfassendes System zu formulieren, tappt sie in Selbstbezüglichkeit und Widerspruch. Die Position ist damit sympathisierend-kritisch: gegen den Totalismus des frühen Wittgenstein, nahe einer späteren, praxispluralen Sicht.

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