Wieviele Arten der Sätze gibt es aber? Etwa Behauptung, Frage und Befehl? – Es gibt unzählige solcher Arten: unzählige verschiedene Arten der Verwendung alles dessen, was wir »Zeichen«, »Worte«, »Sätze«, nennen. Und diese Mannigfaltigkeit ist nichts Festes, ein für allemal Gegebenes; sondern neue Typen der Sprache, neue Sprachspiele, wie wir sagen können, entstehen und andre veralten und werden vergessen. (Ein ungefähres Bild davon können uns die Wandlungen der Mathematik geben.) Das Wort »Sprachspiel« soll hier hervorheben, daß das Sprechen der Sprache ein Teil ist einer Tätigkeit, oder einer Lebensform. Führe dir die Mannigfaltigkeit der Sprachspiele an diesen Beispielen, und anderen, vor Augen: Befehlen, und nach Befehlen handeln – Beschreiben eines Gegenstands nach dem Ansehen, oder nach Messungen – Herstellen eines Gegenstands nach einer Beschreibung (Zeichnung) – Berichten eines Hergangs – Über den Hergang Vermutungen anstellen – Eine Hypothese aufstellen und prüfen – Darstellen der Ergebnisse eines Experiments durch Tabellen und Diagramme – Eine Geschichte erfinden; und lesen – Theater spielen – Reigen singen – Rätsel raten – Einen Witz machen; erzählen – Ein angewandtes Rechenexempel lösen – Aus einer Sprache in die andere übersetzen – Bitten, Danken, Fluchen, Grüßen, Beten. – Es ist interessant, die Mannigfaltigkeit der Werkzeuge der Sprache und ihrer Verwendungsweisen, die Mannigfaltigkeit der Wort- und Satzarten, mit dem zu vergleichen, was Logiker über den Bau der Sprache gesagt haben. (Und auch der Verfasser der Logisch-Philosophischen Abhandlung.)
Wittgenstein weist die Idee zurück, Sätze in wenige fixe Typen (Behauptung, Frage, Befehl) zu fassen. Es gibt „unzählige“ Verwendungsweisen, und sie sind geschichtlich-dynamisch. Mit „Sprachspiel“ markiert er den pragmatischen Zug: Sprechen ist Teil von Tätigkeiten innerhalb einer Lebensform; Bedeutung liegt im Gebrauch. Die Beispielreihe betont die Heterogenität sprachlicher Praxis, weit über repräsentative Aussagen hinaus (Bitten, Grüßen, Beten). Normen des Verstehens entstehen aus geteilten Praktiken, nicht aus einer universalen logischen Form. Der Seitenblick auf Logiker – einschließlich seines eigenen Tractatus – zeigt die Selbstkorrektur: statt Wesenssuche nach dem Bau der Sprache eine phänomenologische Beschreibung der grammatischen Vielfalt. Der Hinweis auf die Mathematik unterstreicht Wandlungsfähigkeit begrifflicher Werkzeuge. Philosophisch folgt: gegen Reduktionismus; die Einheit der Sprache ist keine Essenz, sondern eine verwickelte Verwandtschaft zwischen Sprachspielen.
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