Die Totalitäten der „Ontologie" (2) lassen sich als formale Totalitäten interpretieren, wenn man bereits „Satz" als formalen Begriff und d.h. als Satzvariable (ausgedrückt durch „p", „q" usw.) interpretiert, deren Werte alle Sätze sind; „Sachverhalt" und „Tatsache" sind dann die formalen Begriffe (quasi ontologische Variablen) aller Sachverhalte und Tatsachen. Die Wertebereiche der formalontologischen Begriffe sind zugleich formale Allgemeinheitsbereiche (Gesamtheiten"): „Welt" ist die „Gesamtheit der Tatsachen" (TLP-1.1), „der bestehenden Sachverhalte" (TLP-2.04). Durch diese Gesamtheit ist auch bestimmt, „welche Tatsachen nicht bestehen" (TLP-2.05): „Wirklichkeit" ist das „Bestehen und Nichtbestehen von Sachverhalten" (TLP-2.06). Schließlich (TLP-2.063:) „Die gesamte Wirklichkeit ist die Welt." Mit „Wirklichkeit" ist im TLP nicht eine Totalität, sondern eher ein Wirklichkeitsausschnitt angesprochen, bzw. eine in einem Satz jeweils gemeinte Wirklichkeit (vgl. TLP-2.12, TLP-2.1512, TLP-2.17f.; TLP-4.01 ff., TLP-4.021 u.ö.): für diese ist auch das Nichtbestehen von Sachverhalten relevant, erst bzgl. der Welt verschwinden diese: insofern ist die „gesamte Wirklichkeit" als Summe von Wirklichkeitsauschnitten gleich der „Welt" als Wertebereich des formalen Begriffs „Tatsache".
Die Autorin/der Autor liest Wittgensteins „Ontologie (2)” als aus der Sinntheorie abgeleitete, strikt formale Ontologie. Ausgangspunkt ist die formale Entsprechung von Welt und Sprache: Was sinnvoll sagbar ist, bestimmt die Weltgrenzen. Daher wird TLP 1.1 sinntheoretisch begründet: Weil nur Sätze Welt darstellen und Sätze Sachverhalte (bzw. bei Bestehen: Tatsachen) repräsentieren, ist die Welt die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge. Voraussetzung: Die grundlegende sprachliche Einheit in Bezug auf (Wahrheits-)Wert ist der Satz, nicht der Name. „Möglich” heißt „sinnvoll/denkbar“; „Sachverhalt“ ist somit der sinntheoretische Gegenpart des sinnvollen Satzes. Die Unabhängigkeit der Sachverhalte folgt aus der logischen Unabhängigkeit der Elementarsätze. „Welt“, „Sachverhalt“, „Tatsache“ fungieren als formale Totalitäten/Wertebereiche von Variablen. „Wirklichkeit“ ist satzrelativ ein Wirklichkeitsausschnitt; als Summe solcher Ausschnitte fällt sie mit „Welt“ zusammen. Insgesamt: eine anti-metaphysische, formalistische Deutung von Wittgensteins Ontologie.
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