Das einzige, dem Wittgenstein an der Übersetzungstheorie Carnaps zustimmen würde, ist die Entsprechung von ontologischen und formalsprachlichen Begriffen. Nur sind nach Wittgenstein beide „Redeweisen" unsinnig: man kann sogar sagen, dass durch die Übersetzung der formalontologischen Begriffe in ihre analogen formalsprachlichen Begriffe die Unsinnigkeit von ontologischen Sätzen erst richtig transparent wird, denn diese treten viel eher unter dem Schein auf, Sätze über Tatsachen zu sein: so ähnelt z.B. der Satz TLP-1.2 „Die Welt zerfällt in Tatsachen" rein äußerlich dem Satz „Der Kuchen zerfällt in Stücke". Erst wenn man „Tatsache" als ontologisches Analogon des „wahren Satzes" sieht, erkennt man, dass TLP-1.2 in den Satz „Die Gesamtheit der Naturwissenschaften zerfällt in wahre Sätze" übersetzt werden könnte (vgl. TLP-4.11) und dass beide Sätze formale Begriffe enthalten. Oder ein anderes Beispiel: der Satz „Es gibt Gegenstände" ähnelt oberflächengrammatisch dem Satz „Es gibt Bücher": erst durch die Übersetzung „Es gibt Namen" wird die fragwürdige Behauptung der Existenz von Gegenständen klar: „Gegenstand" ist im Gegensatz zu „Buch" ein formaler Begriff; man könnte sagen: die Bedeutung von „Buch" ist ein Wert der ontologischen Variable „Gegenstand", das Symbol „Buch" ist ein Wert der formalsprachlichen Variable „Name"; einmal ist „Buch" ontologisch und einmal formalsprachlich typisiert.
Da „Tatsache" und „wahrer Satz" formale Begriffe sind, handelt es sich bei der Welt als „Gesamtheit der Tatsachen" (TLP-1.1) und bei der „Gesamtheit der wahren Sätze" (TLP-4.11) - genauso übrigens bei der Sprache als „Gesamtheit der Sätze" (TLP-4.001) oder der „Gesamtheit der wahren Gedanken" (TLP-3.01) - um formale Totalitäten (vgl. dazu bereits Kap. 1.3) - Deswegen ist Wallner zu widersprechen, wonach die „Gesamtheit der wahren Sätze" in TLP-4.11 als „summative Gesamtheit" zu sehen ist und insofern eine „zufällige Grenze des Sagbaren" markiere: „'zufällig' ist diese Grenze insofern, als sie sich - wenn man vom Standpunkt 'jenseits der Welt' absieht - nur aus dem (immer wieder mißglückenden) Versuch ergibt, etwas zu sagen, was noch nicht gesagt ist." (ebd.). Formale Totalitäten sind jedoch Wertebereiche von Variablen, von formalen Begriffen, und zwar können diese sprachlich, ontologisch oder epistemologisch sein: z.B. ist „Tatsache" eine formalontologische Variable, deren Wertebereich die Gesamtheit der Tatsachen ist; genauso ist „wahrer Satz" eine formalsprachliche Variable, deren Wertebereich die Gesamtheit der wahren Sätze ist. Die Berechtigung, bei „Tatsache" bzw. „Gedanke" von einer ontologischen bzw. epistemologischen Variable zu sprechen, ergibt sich eben aus der Entsprechung der formalsprachlichen und ontologischen bzw. epistemologischen Begriffe als Bedingung der Möglichkeit dafür, dass die Welt überhaupt dargestellt werden kann. - An dieser Stelle führt Wallner übrigens drei verschiedene TLP-"Grenzen" an: die zufällige, die notwendige und die emotionale Grenze; notwendig sei eine Grenze, die durch die inhaltslose, sinnlose logische Notwendigkeit gesetzt sei (vgl. ebd.); eine emotionale Grenze sei z.B. in TLP-6.45 gemeint (die Anschauung der „Welt als begrenztes Ganzes"). In dieser letzten Auffassung ist Wallner erneut zu widersprechen: die Welt als „begrenztes Ganzes" ist die Welt als Gesamtheit der Tatsachen, als Wertebereich des formalen Begriffs „Tatsache" und - auf deren Bedingung der Möglichkeit hin betrachtet - die Welt als Wertebereich der SUBSTANZ und des SUBJEKTS: die Emotion schafft keine Grenzen, die Emotion entzündet sich erst angesichts der als Wertebereich begrenzt gegebenen Welt: der Mystizismus des TLP ist nur der „i"-Punkt auf die formalsprachliche, ontologische, epistemologische Begrenzung.
# Interpretation von Abschnitt 174
Der Autor argumentiert gegen eine rein linguistische Deutung des Tractatus (repräsentiert durch Carnap) und gegen Wallners Interpretation der "Grenzen des Sagbaren". Zentral ist die These, dass formale Begriffe wie "Tatsache", "wahrer Satz" und "Gedanke" strukturell äquivalent sind – sie fungieren als Variablen, deren Wertebereiche jeweils "formale Totalitäten" bilden (ontologisch, sprachlich, epistemologisch). Diese Analogie zeigt, dass Sätze wie "Die Welt zerfällt in Tatsachen" scheinbar Tatsachenaussagen sind, tatsächlich aber unsinnig, da sie formale statt materiale Begriffe verwenden.
Gegen Wallner wendet der Autor ein: Die Grenze des Sagbaren ist nicht "zufällig" (als Resultat misslingender Sprechversuche) und die Weltganzheit in TLP 6.45 nicht "emotional" begründet. Vielmehr sei die Grenze notwendig, da sie sich aus der logischen Struktur der Wertebereiche (SUBSTANZ, SUBJEKT) ergibt. Der Mystizismus ist demnach keine eigenständige Grenzsetzung, sondern lediglich affektive Reaktion auf eine bereits durch die Logik determinierte Begrenzung.
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