Jede Interpretation ist einerseits im Vergleich mit dem interpretierten Werk eine Reduktion: dies gilt besonders für den TLP, zu dem es offensichtlich (wie die Sekundärliteratur zeigt) eine Vielfalt von kontroversen Interpretationen geben kann. Andererseits erhebt jede Interpretation Anspruch auf optimale (Er-)Klärung des Textes und gerade als Mittel zu diesem Zweck ist eine Reduktion unumgänglich. Insgesamt beruht eine Interpretation auf einem Basiskonzept, auf einer Menge von Hypothesen und Entscheidungen im Hinblick auf den Text: das Ziel der vorliegenden Interpretation ist, methodisch gesehen, ein leicht verständlicher, systematisch entwickelter Zugang zum TLP, der teilweise allerdings nicht den von der effektiven Komposition des T vorgezeichneten Weg weist - Ziel ist die Rekonstruktion des inneren Systems des TLP. Die Idee eines solchen inneren Systems ergibt sich zum einen aus dem augenscheinlichen Missverhältnis zwischen dem nachweislich systematischen Stellenwert bestimmter Thesen und ihrer Lokalisierung in der effektiven Textkomposition und zum anderen aus der Überzeugung, dass die aphoristischen und z.T. jede Begründung verweigernden, also apodiktischen Thesen des TLP in ein System zu integrieren sind. Im Folgenden sollen kurz die systematischen Schwerpunkte (im Sinne von vorläufigen Reduktionsschritten) des zugrundeliegenden Interpretationskonzeptes angedeutet werden.
Schwerpunkt (1): das zentrale Problem des TLP ist m.E. die Möglichkeit der Darstellung (der Logik) der Sprache mit (der Logik) der Sprache, oder: die Möglichkeit der Darstellung der logischen (formalen, wesentlichen) Eigenschaften des sinnvollen Satzes mit einem Satz. Die dabei fragwürdigen Sätze sind Sätze der Sinnanalyse, Sinntheorie, Logik, bzw. der Philosophie überhaupt: sie alle „stehen auf dem Index", von ihnen ist der „logische Satz" (scil. der Satz der Logik) im strengen Sinne des TLP abzugrenzen: „Die richtige Erklärung der logischen Sätze muss ihnen eine einzigartige Stellung unter allen Sätzen geben". (TLP-6.112)
Die Autorin/der Autor rechtfertigt eine bewusst reduktive, rekonstruktive Lesart des Tractatus: Statt der aphoristischen Reihenfolge wird ein „inneres System“ freigelegt, motiviert durch das Missverhältnis von systematischer Tragweite einzelner Thesen und ihrer Platzierung im Text. Zentrales Problem ist die Selbstbezüglichkeit: Wie kann die Logik der Sprache mit Sprache dargestellt werden? Damit geraten Sätze der Sinnanalyse/Philosophie unter Verdacht; sie stehen „auf dem Index“ und sind strikt von den logischen Sätzen (im Sinne von TLP 6.112) abzugrenzen, denen eine einzigartige Stellung zukommt. Die Position zu Wittgenstein ist systematisierend-orthodox: Der Tractatus wird als kohärentes Theoriesystem verstanden, in dem logische Sätze nichts sagen, aber die Form zeigen, während philosophische Metasätze notwendig scheitern. Die Interpretation folgt damit einer „Zeigen/Sagen“-Lesart und zielt auf begriffliche Klärung durch methodische Reduktionsschritte statt auf eine rein kompositorische oder therapeutische Deutung.
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