← Ludwig Wittgenstein
↩ Zurück zu TB
Tagebücher 1914–1916
9. 5. 15.

Eine Frage: Können wir ohne einfache Gegenstände in der LOGIK auskommen? Offenbar sind Sätze möglich welche keine einfachen Zeichen enthalten, d. h. keine Zeichen, welche unmittelbar eine Bedeutung haben. Und diese sind wirklich Sätze, die einen Sinn haben, und die Definitionen ihrer Bestandteile brauchen auch nicht bei ihnen zu stehen. Es ist doch klar, daß Bestandteile unserer Sätze durch Definitionen zerlegt werden können und müssen, wenn wir uns der eigentlichen Struktur des Satzes nähern wollen. Jedenfalls gibt es also einen Prozeß der Analyse. Und kann nun nicht gefragt werden, ob dieser Prozeß einmal zu einem Ende kommt? Und wenn ja: Was wird das Ende sein?? Wenn es wahr ist, daß jedes definierte Zeichen via seine Definitionen bezeichnet, dann muß wohl die Kette der Definitionen einmal ein Ende haben. Der zerlegte Satz redet von mehr als der unzerlegte. Zerlegung macht den Satz komplizierter als er war; aber kann und darf ihn nicht komplizierter machen als seine Bedeutung von Haus aus war. Wenn der Satz so komplex ist wie seine Bedeutung, dann ist er ganz zerlegt. Die Bedeutung unserer Sätze aber ist nicht unendlich kompliziert. Der Satz ist das Bild der Tatsache. Ich kann von einer Tatsache verschiedene Bilder entwerfen. (Dazu dienen mir die logischen Operationen.) Aber das für die Tatsache Charakteristische in diesen Bildern wird in allen dasselbe sein und von mir nicht abhängen. Mit der Zeichenklasse des Satzes "p" ist bereits die Klasse "\~p" etc., etc., gegeben. Wie es auch sein muß. Aber, setzt das nicht schon voraus, daß uns die Klasse aller Sätze gegeben ist? Und wie kommen wir zu ihr?

Noch keine KI-Analyse zu diesem Abschnitt.

Nur angemeldete Nutzer:innen können neue KI-Analysen anfordern. Anmelden