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S. 89

Spätestens das Scheitern des Marxismus zeigt die real politische Verzerrung der Ideale der Aufklärung: der Marxismus war ein zwanghaftes ,,Redigieren der Moderne" (Lyotard) innerhalb der Grenzen der Moderne, innerhalb seiner auf vorgegebene Inhalte beschränkten Ideale. Der Marxismus reduzierte das universelle Ziel der Emanzipation der Menschheit auf ein einziges Ziel, nämlich die Ausbeutung des Arbeiters und damit die Entfremdung der Arbeitskraft aufzuheben. Damit vollzieht Marx zwei unstatthafte "Übergänge" vom Ideal zur Realität. Im Enthusiasmus, den die Arbeiterkämpfe (als "Geschichtszeichen") im Zuschauer erregen, glaubt Marx "die Forderung des Proletariats zu vernehmen, als den Gegenstand einer Idee, als ein Ideal der Vernunft, die emanzipierte arbeitende Menschheit"5 - der erste Übergang vom Ideal zur Wirklichkeit. Der zweite, folgenschwerere Übergang führt "von diesem Ideal zur realen politischen Organisation der realen Arbeiterklasse"6, zur Herrschaft des Proletariats. Heute wissen wir, daß der Marxismus nichts weiter getan hat und daß jede Revolution nichts weiter tut und tun wird, als dieselbe Wunde zu wiederholen. Die Lokalisierung und die Diagnose können sich ändern, aber bei dieser Art des Redigierens bricht dieselbe Krankheit wieder auf. Die Marxisten haben geglaubt, gegen die Entfremdung der Menschheit gearbeitet zu haben, aber die Entfremdung des Menschen hat sich - kaum verlagert - wiederholt.7 Es war ein "Mehr desselben", nämlich ein und desselben fixen, beschränkten Ideals. Katastrophen und Kriege unseres Jahrhunderts können aus postmoderner Sicht nicht länger als kleinere Pannen in der grundsätzlich zum Guten fortschreitenden Dialektik der Geschichte gelten. Die Betrachtungsweise der Geschichte hat nicht mehr die Krise, sondern die Katastrophe zu reflektieren. "Allgemeingültige" menschliche Interessen, die politisch wirksam werden, erwachsen de facto nicht mehr aus der Hoffnung auf ein besseres Leben, sondern aus der Not und Hoffnungslosigkeit angesichts der atomaren und ökologischen Bedrohung des ausgehenden „0. Jahrhunderts. Ein Beispiel dafür ist das neue Denken der Perestroika in der ehemaligen Sowjetunion.8


5 5 ↩
6 Ebenda, „84. ↩
7 Jean- François LYOTARD, Das Inhumane. Plaudereien über die Zeit, Wien 1989, 37. ↩
8 Karlheinz BARCK, Richtungs-Wechsel. Postmoderne Motive einer Kritik politischer Vernunft: Jean-François LYOTARD, in: Robert WEIMANN/Hans Ulrich GUMBRECHT (Hg.), Postmoderne - globale Differenz, Frankfurt a. M. 1991, 168. ↩