Man redet in verschiedenen Regelsystemen über eine andere Sache, man gebraucht verschiedene Namen und Gegenstände. Der Widerstreit spitzt sich also zu bis auf die Namen und Gegenstände, über die gesprochen wird. Die Differenz zwischen Regelsystemen bleibt nicht nur auf die formale Unterscheidung zum Beispiel zwischen deskriptivem und präskriptivem Satz beschränkt, sondern setzt tief in der pragmatischen Dimension der Kommunikation an. Kommunikativer Widerstreit liegt bereits vor, wenn ein Rezipient den von einem Sender deiktisch aufgewiesenen Referenten nicht wahrnehmen kann (beziehungsweise will): der Satz des Senders gehört einem Regelsystem an, welches der Rezipient nicht akzeptiert, der Sender wird zum Schweigen gebracht, er wird zum Opfer. Auch wenn ein deiktisch aufgewiesener Gegenstand durch einen Namen benannt wird und so von der deiktischen Situation relativ unabhängig ist, ist seine Existenz immer nur im jeweiligen Regelsystem eine ausgemachte Sache. Denn das Regelsystem verbürgt erst den Horizont, innerhalb dessen der Name diesen Gegenstand bedeutet. Mit dem Namen sind gleichzeitig alle Möglichkeiten der in diesem Regelsystem sinnvollen Beschreibungen des Gegenstandes gegeben; damit auch die Möglichkeit eines Beweisverfahrens für die Existenz dieses Gegenstandes: Wirklich ist der Referent, der sich in diesen drei Situationen als der gleiche erweist: bedeutet, benannt, gezeigt. Also jeweils: In einem Internierungslager wurde mittels einer Zyklon-B-Gaskammer Massenvernichtung praktiziert; es heißt Auschwitz; da ist es. Ein vierter Satz erklärt, daß der bedeutete, der benannte und der gezeigte Referent identisch sind.24 Wenn jemand das Regelsystem nicht teilt, in dem sinnvoll über Auschwitz gesprochen werden kann, ergibt sich ein Widerstreit.25 Wenn die Gegenpartei ein anderes Regelsystem durchzusetzen vermag, demzufolge als Beweis der Existenz von Auschwitz ein Zeuge auftreten müßte, der bezeugt "tatsächlich und mit eigenen Augen eine Gaskammer gesehen" zu haben, dann ist das erste Regelsystem ohne Chance: es gibt kein lebendes Opfer dieser Gaskammer. Sprachspiele zeigen viel eher Dissens als Konsens. Die Möglichkeit, Konsens zu erzielen, ist vielleicht die allgemeingültige Eigenschaft einiger Sprachspiele, aber nicht aller. Die Konsenstheorie von Habermas beruht in postmoderner Perspektive darauf, daß das Ideal einer universellen Metasprache mit einem Merkmal (Möglichkeit des Konsenses), das wenn überhaupt nur für wissenschaftliche Sprachspiele gilt, besetzt wird. Dem liegt prinzipiell auch jene Vernunftverwirrung der Moderne zugrunde, welche die Grenzen zwischen den Sprachspielen mißachtet und an die Möglichkeit eines argumentativen Rechtsstreites auch im Falle von Sätzen verschiedener Regelsysteme glaubt.