Der politische Ansatzpunkt der postmodernen Kritik an den Ideen der Moderne ist deshalb "die VerschĂ€rfung der Diskrepanz zwischen der beobachtbaren historisch-politischen RealitĂ€t und den Ideen"3, mit denen jene legitimiert wird. Als radikalisierte Stufe in der Dialektik der AufklĂ€rung unterzieht die Postmoderne die Idee eines Endzieles der Geschichte und der Emanzipation des Subjekts, also die politisch wirksamen Ideale der AufklĂ€rung, einer strengen Analyse. Solange jene Kluft zwischen den realen und idealen politischen VerhĂ€ltnissen immer unter den Idealen der Geschichtsphilosophie subsumiert wird, bleibt die Moderne ewig unvollendet: sie wird permanent weiter "redigiert", es ergeben sich dauernd neue dialektische Schritte, die Zukunft bleibt eine vorgeschriebene, eine vermittelte, in ihrem Gang offenbart sich - auf welch sonderbare Weise auch immer: perversa ratio - das nie real erreichte Endziel von Freiheit und Emanzipation der Menschheit, der absolute Geist, dem es gelingt, jede UnzutrĂ€glichkeit und WiderwĂ€rtigkeit in der Geschichte als immerhin so vernĂŒnftig zu legitimieren, daĂ weiter den Utopien und Idealen geglaubt werden muĂ - auch dann, wenn als ideales Endziel der Geschichte ein reales Endziel zynisch in die Wirklichkeit tritt, ein Endsieg oder eine Endlösung als Auslöschung von Menschen. Als Ideal fungiert unter postmodernen Voraussetzungen die Idee der TotalitĂ€t des Nicht-Realisierten, Nicht-darstellbaren, des "Erhabenen": jener Bereich menschlicher Möglichkeiten, die nicht in Wirklichkeit umgesetzt sind, und denen deswegen von all den realisierten Möglichkeiten Unrecht getan wird: die namenlosen, undarstellbaren, nicht zugelassenen, verdrĂ€ngten, vertriebenen Möglichkeiten. Das Ideal der Postmoderne ergreift Partei fĂŒr die Opfer - nicht fĂŒr die TĂ€ter, nicht fĂŒr das Subjekt der Geschichte. Der "absolute Geist" der Postmoderne ist - so könnte die Analogie weitergefĂŒhrt werden -, nicht ein universelles Subjekt, welches - wie jenes der Moderne - sich in jedem Faktum entwickelt und zeigt (weil alles letztlich seine Schöpfung ist), sondern das fehlt und immer nur fehlen kann: die absolute Defizienz, das KomplementĂ€r zum Hegelschen Subjekt der Geschichte. Also "nur eine Idee, ... ein Problem ohne alle Auflösung."4 Ideale "gibt" es wie fĂŒr die Moderne genauso auch fĂŒr die Postmoderne. In jedem Fall sind sie als geistige Schöpfungen wirksam: in der Moderne, um auf das herzuzeigen, was existiert, dies als vernĂŒnftig zu legitimieren, bestenfalls, um auf etwas hinzuzeigen, um sich zwanghaft darauf zu orientieren - in der Postmoderne hingegen, um die selbstgenĂŒgsamen, selbstreferentiellen Systeme auf das zu verweisen, was (ihnen) fehlt. Ideal und Idee ist in postmoderner Betrachtungsweise die radikalisierte Utopie, die nicht bestimmbar ist und nie verwirklicht werden kann, die ewige Kontrastfolie menschlichen Tuns, die grundsĂ€tzliche Antithese, die nie in das Getriebe einer Dialektik kommen kann, die also jedem Geist, selbst dem Hegelschen absoluten, unerreichbar bleibt.