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S. 93

Ob allerdings die Habermasche Okkupation des Ideals überhaupt Chancen hat, realpolitisch und ethisch zu greifen, kann bezweifelt werden. Denn es ist klar, daß die real existierende, latente Uniformierung unserer Gesellschaft durch die technologische Entwicklung ernster zu nehmen ist als die kontrafaktischen Annahmen eines herrschaftsfreien Diskurses oder einer idealen Kommunikationsgemeinschaft in diesen idealistischen Metaerzählungen. Kein postmoderner Autor würde wohl glauben wollen, daß die Wirkung eines philosophischen Systems so weit reichen würde, daß es in lebensweltliche Interessen des Menschen eingreifen und diese einem Standardisierungsprozeß unterwerfen könnte. Der Hintergrund für die Frontstellung zwischen Lyotard und Habermas scheint vielmehr die gesellschaftliche Entwicklung selbst zu sein - wie Habermas richtig bemerkt.26 Da die Gesellschaft sich nicht so ohne weiteres in einen philosophischen Diskurs verwickeln läßt, schießen sich beide Parteien auf einen philosophischen Widerstreit über die Gesellschaft ein. Die hauptsächlichen Vorwürfe betreffen denn auch die Ohnmacht des Gegners angesichts der gesellschaftlichen Entwicklungen, im Übergang von theoretischer zu praktischer Vernunft: ,,Lob der Differenz"27, Chaos, Rückzug in wirkungslosen Ästhetizismus auf der einen Seite; Totalitarismus und Dogmatismus auf der anderen. Die Position von Habermas verkennt dabei den theoretisch sprachphilosophischen Hintergrund von Lyotard, während Lyotard den primär praktisch politischen Impetus von Habermas übersieht. Aus der Sicht von Habermas ist der scharfe Affront gegen das Einheitsdenken jedoch anachronistisch: ,,Die falschen Suggestionen eines vor hundertfünfzig Jahren verabschiedeten Einheitsdenkens bilden noch immer die Folie - so als müßten wir uns, wie die erste Generation der Hegelschüler, der Übermacht der großen metaphysischen Meister immer noch erwehren."28 Ein Konvergenzpunkt von Lyotard und Habermas ist jedenfalls das Denken eines Ideals, an dessen Integrität festzuhalten ist: ,,Diese Idee darf nicht zur Totalität einer versöhnten Lebensform ausgemalt und als Utopie in die Zukunft geworfen werden; sie enthält nicht mehr, aber auch nicht weniger als die formale Charakterisierung notwendiger Bedingungen für nicht antizipierbare Formen eines nichtverfehlten Lebens."29 Der Divergenzpunkt andererseits - hier Konsens, dort Dissens als allgemeingültige Eigenschaft von Kommunikation - läßt sich letztlich nur auf der Ebene persönlicher Entscheidung erklären: was für ein Mensch man ist, zeigt sich darin, ob man das Ziel von Kommunikation im erzielten Konsens erreicht sieht oder ob man bei allem Konsens noch einen irgendwie möglichen Dissens im Auge behält. Lyotard verspricht sich mehr davon, systematisch die Orte von Widerstreit aufzusuchen: in den Namen, im Satzereignis, in den Nahtstellen zwischen den Sätzen.


26 Jürgen HABERMAS, Die Einheit der Vernunft in der Vielheit ihrer Stimmen, in: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken 4 „, 1988, 13. ↩
27 Ebenda, 1 „. ↩
28 Ebenda, 13. ↩
29 Ebenda, 14. ↩