Ob dabei - wie Welsch meint - ,,die postmoderne Position ihrer ganzen Struktur (und nicht bloß ihrem Inhalt) nach anders ist als die Positionen, denen sie ein Abrücken vom Ausschließlichkeitswahn ansinnt"30, muß bezweifelt werden. Denn derselbe "Reflexionssprung"31, den sie für sich in Anspruch nimmt, insofern sie "ja offenbar nicht eine weitere materiale, sondern eine formale Position dar[stellt], die sich auf alle materialen gleichermaßen bezieht und diesen denn auch allein einen Wandel ihrer Form ansinnt", kann auch von der konsensorientieren Position reklamiert werden: die Möglichkeit von Konsens ist genauso wie jene von Dissens eine formale Eigenschaft von Kommunikation, und beide sind genauso wenig tauglich, einen direkten Übergang in die Lebenswelt, also einen praktikablen Leitfaden für die Entscheidung moralischer Fragen zu entwickeln. Mehr Plausibilität hat die Lyotardsche Position: der dissensorientierte Ansatz der philosophischen Postmoderne beruht auf einem angemesseneren Verständnis der Ideengeschichte der Menschheit: die Gegenwart ist gerade dadurch gekennzeichnet, daß die Suche nach Einheit in der Welt der Ideen und allgemeinen Begriffen, die seit Plato die Philosophie bewegte, durch eine faktische Einheit in der Welt der Erscheinungen unterlaufen wird: geeint werden die Erscheinungen "nicht mehr durch die Kraft der Ideen und der Universalien, sondern durch die die Welt zu einer Einheit zusammenschweißende und sie durchdringende Technologie."32 Diese gegenseitige "Durchdringung von Wissenschaft, Technik, Lebenswelt, Gesellschaft und Politik"33 ist der Hintergrund für das postmoderne Ideal der Heterogenität aller Sprachspiele, in denen sich der Mensch im gegenwärtigen Zeitalter in den verschiedenen Lebensformen seiner Wirklichkeit zurecht finden muß. Durch die neuen Informationstechnologien wird Information über alle Raum-Zeitgrenzen hinweg als Wirklichkeit an sich offeriert, ,,die Synthese verschiedener Zeiten in einer Zeit" wird von „irdischen Lebensbedingungen" isoliert34, die deiktisch-pragmatische Variable menschlicher Kommunikation wird nicht mehr wahrgenommen, Reflexion, Interpretation und historische Rekonstruktion, die immer vom Situativen menschlichen Lebens ausgeht, verlieren ihre Verankerung in der Lebenswelt. Es ist anzunehmen, daß sich die postmoderne Philosophie aus jenem double-bind zwischen massiven, vermeintlich an sich wirklichen, universellen sozialen Konstrukten (auch Idealen) einerseits und subjektiver Realitätswahrnehmung andererseits ergibt, der charakteristisch ist für die postmoderne Lebensform. Dadurch gerät der Mensch unseres Zeitalters unter den enormen Druck, zu immer mehr Information reflexiv Stellung beziehen zu müssen, ohne sich der kritiklosen Uniformierung von Information und Wirklichkeit zu ergeben oder in resignierende Ganzheitsträume zu verfallen.
S. 94
32
Walter Ch. ZIMMERLI, Das antiplatonische Experiment. Bemerkungen zur technologischen Postmoderne, in: Walter Ch. ZIMMERLI (Hg.), Technologisches Zeitalter oder Postmoderne, München 1988, „1.
↩