Der Status einer selbstreferentiellen Sinntheorie
Nachdem das Konzept einer selbstreferentiellen Formalisierung-Entformalisierung als plausible Erklärung der Möglichkeit des sinnvollen Satzes skizziert wurde, ist nun zu fragen, warum Wittgenstein Sinntheorie als eine unstatthafte „Verwechslung der formalen Begriffe mit den eigentlichen Begriffen“ (T-4.126)4 und damit für unmöglich erklärt.
Die Schwierigkeit der Explikation eines Sprachhandlungsspieles liegt darin, daß sowohl die Explikation selbst als auch das explizierte Sprachhandlungsspiel im Hinblick auf ihre Selbstreferentialität problematisch werden: einerseits müßten die explizierenden Sätze selbstreferentiell in bezug auf ihr System sein, andererseits ist das zu explizierende Sprachspiel als fremdes selbstreferentielles System zu verstehen und darzustellen.5
Es gibt grundsätzlich zwei Wege, ein selbstreferentielles System zu beschreiben. (1) Man tut dies aus der Sicht eines anderen selbstreferentiellen Systems, wodurch wohl das beschreibende System selbstreferentiell ist, das beschriebene selbstreferentielle System jedoch zu einem fremdreferentiellen degeneriert, mit der Konsequenz, daß problematische (eben fremde) Wertungen (Möglichkeiten von Sinn) ins Spiel kommen, also ein wesentlicher Zug desselben (die Autarkie des Spiels) verloren geht. Oder (2) das selbstreferentielle System wird mittels seiner eigenen Möglichkeiten von Sinn beschrieben, wodurch wohl das beschreibende und auch das beschriebene System selbstreferentiell wären, aber die Beschreibung u.U. widersprüchlich wird.
Da der Traktat die starke Voraussetzung eines allgemeingültigen Sprachsystems macht, kommt für ihn Option (1), wo ja mindestens zwei Sprachsysteme mitspielen, nicht in Frage. Und im Hinblick auf Option (2) weist Wittgenstein auf die Tatsache hin, daß ein sich selbst beschreibendes Sprachsystem widersprüchlich wäre, umso mehr, je mehr es als universales auftreten will. Also entscheidet sich Wittgenstein für eine Auswegsoption (3): die Beschreibung eines selbstreferentiellen Systems ist unsinnig und überflüssig. Dadurch bleibt zwar der selbstreferentielle Charakter des Sprachsystems gesichert, allerdings wird ein stark universalistischer Anspruch in bezug auf die Allgemeingültigkeit des betreffenden selbstreferentiellen Systems erhoben, um die Überflüssigkeit der Beschreibung behaupten zu können.
Näherhin bedeutet dies, daß der autark-selbstreferentielle Zusammenhang zwischen Möglichkeit von Sinn und Sinn als stabil und unaussprechbar deklariert wird – also weder explikativ erklärt werden muß noch kann. Was Sinntheorie bezweckt, kann durch „Erläutern“ mithilfe von Anwendungsbeispielen ersetzt werden (T-3.263, 4.112), da Möglichkeiten von Sinn sich im Sprachgebrauch „zeigen“ (T-4.126 bis 4.1274). Um (nicht nur die Unsinnigkeit, sondern) auch die Überflüssigkeit einer Sinntheorie behaupten zu können, wird vorausgesetzt, daß es ein Sprachsystem gibt, welches allen Sprachspielen gemeinsam ist und zu dem prinzipiell jeder Zugang hat, da es sich im Sprachgebrauch zeigt bzw. zeigen läßt.
Mögliche und offensichtlich absurde Konsequenzen aus den Optionen (1) und (2), in denen (unter der Annahme eines universalen Sprachsystems) formale Begriffe mit eigentlichen verwechselt werden, verwendet Wittgenstein als indirekte Beweisführungen, um Option (3) als die einzig gangbare zu erweisen. Die Ablehnung von (1) und (2) bedient sich je einer Facette der Selbstreferentialität: der gutartigen und der bösartigen. Option (1) wird aufgegeben, weil sie die gutartige Selbstreferentialität auflöst, da das System als fremdreferentielles dargestellt wird.
Diese gutartige Variante der Selbstreferentialität läßt sich rekonstruieren als „Autarkie“ (der Möglichkeit) von Sinn. Damit ist gemeint, daß die Abhängigkeit eines Sinnes (eines entformalisierten Satzes) von einer Möglichkeit von Sinn (eines formalisierten Satzes) in sich geschlossen sein muß, also zumindest für die Situation der kommunikativen Satz-Handlung durch keine externen Bedingungen relativiert werden darf; d.h. das Meinen und Verstehen ist begrenzt durch den Horizont von jeweils verfügbaren Möglichkeiten von eines Satzes Sinn: insofern selbstreferentiell-autark.
Option (1) würde aber dazu führen, daß ein Sprachsystem durch ein anderes beschrieben wird, also in seiner Autarkie gestört wird: grundsätzlich könnte auch das beschreibende System aus der Perspektive eines anderen beschrieben werden usw. Dadurch wird der Sinn eines Satzes, der mit der Autarkie des Sprachsystems gesichert wäre, offen und unsicher: der sich ergebende infinite Regreß von Sprachsystem zu Sprachsystem hätte zur Konsequenz, daß kein Satz in keiner Kommunikationssituation sinnvoll wäre, da permanent die ihn tragenden Möglichkeiten von Sinn hinterfragt werden könnten.6 Ein Ende wäre andererseits nur in Sicht, wenn ein Sprachsystem ausgezeichnet und nicht einer weiteren Thematisierung zugeführt würde – die berüchtigte petitio principii.
Option (2) hingegen muß aufgegeben werden, weil sie die bösartige Selbstreferentialität praktiziert. Diese läßt sich rekonstruieren als zu Widersprüchen führende Selbstbezüglichkeit einer fundamentalistischen – die Sprache als ein Sprachsystem explizierenden – Sinntheorie. Dieselbe Selbstbezüglichkeit, welche Sinn und damit Reflexion auf (Möglichkeiten von) Sinn ermöglicht, bringt jedes sinntheoretische Unternehmen zum Scheitern, welches darauf abzielt, Möglichkeiten von Sinn als Bedingungen der Möglichkeit allen Sinnes u.d.h. als ein einzig mögliches Sprachsystem zu formulieren. Die gutartige Selbstbezüglichkeit pervertiert in eine bösartige, weil die Explikation dieses Sprachsystems gleichzeitig einerseits den in diesem Sprachsystem möglichen Sinn reflektieren (formalisieren) würde, andererseits auch in diesem Sprachsystem enthalten wäre, dessen Möglichkeiten von Sinn aktualisieren (entformalisieren) müßte.7
Die Folgen dieser bösartigen Selbstbezüglichkeit können zweierlei sein: das Ziel der Sinntheorie wird unerreichbar, indem einerseits die Sinntheorie ausartet zu einem sich selbst perpetuierenden Explikationsregreß, in dem grundsätzlich nichts Neues zutage kommt: eine Möglichkeit von Sinn (ein formaler Begriff), die als Bedingung eines Satzes „p“ festgestellt wird, kann auch für den Satz, der dies feststellt, festgestellt werden usw. – der Effekt ist, daß die für die kommunikative Verwendung vorauszusetzende Gewißheit des Sinnes von „p“ fundamentlos wird: ein rastloses Suchen nach Fundamenten in sich selbst. Genauso unerreichbar wird das Ziel der Sinntheorie andererseits, wenn sie ausartet zu einem sich selbst perpetuierenden Negationsregreß: eine Möglichkeit von Sinn, die als Bedingung eines Satzes „p“ festgestellt wird, darf nicht für den sinntheoretischen (Meta)Satz gelten, der die betreffende Feststellung über den Satz „p“ trifft, muß aber trotzdem angewandt werden (weil es systemimmanent keine andere Möglichkeit von Sinn gibt): also ist die fragliche Möglichkeit von Sinn genau dann eine Bedingung der Möglichkeit dieses Metasatzes, wenn sie es nicht ist. Am klassischen Beispiel der Russell-Paradoxie illustriert: „Klasse“ als formale Eigenschaft aller als Klassen fungierenden Ausdrücke wird in einem sinntheoretischen (Meta)Satz so definiert: „‚Klasse‘ ist die Klasse aller Klassen, die sich nicht selbst enthalten“; „Klasse“ wäre somit genau dann eine Bedingung der Möglichkeit dieses Satzes (denn er wendet diese Möglichkeit von Sinn an), wenn sie es nicht wäre (denn die Anwendung dieser Möglichkeit widerspricht ihrer Definition).8
Nach dieser reductio ad absurdum muß Sinntheorie, wenn sie postuliert, daß ein Sprachsystem als universales Fundament von Sprache auftreten soll, als unsinnig und überflüssig erklärt werden. Die These der Überflüssigkeit von Sinntheorie (die Notwendigkeit des Schweigens) ist jedoch nicht einfach zu widerlegen durch den Hinweis auf die Unmöglichkeit eines einzigen Universalsprachsystems: es gibt auch einen positiven Aspekt der Überflüssigkeit von Sinntheorie. Denn in der Praxis sprachlicher Kommunikation muß ja auch die Gültigkeit eines Sprachsystems zumindest für die jeweilige Kommunikationssituation unterstellt werden, damit das Sprachspiel funktioniert. Für die Dauer des Funktionierens muß denn auch eine sinntheoretische Explikation desselben überflüssig sein.9
Wittgenstein steht einerseits in der Tradition der Transzendentalphilosophie, da er die (transzendentale) Abhängigkeit des Satzes von Bedingungen der Möglichkeit seines Sinnes zum Ausgangspunkt nimmt, er insofern unerschütterlich ist, als ohne die Annahme dieser Abhängigkeit die Sinnhaftigkeit eines Satzes nicht erklärt werden könnte. Zum anderen scheint er das Programm der Transzendentalphilosophie auszuhöhlen durch den Nachweis, daß aus der Universalisierung eines Sprachsystems zum Supersprachsystem die Unmöglichkeit von Sätzen über die Bedingungen der Möglichkeit folgt.
Wenn einige Traktat-Interpreten eine transzendentalphilosophische Auslegung des Traktat ablehnen, so wird meistens die Unaussprechlichkeit der Sinntheorie ins Treffen geführt: „Die Logik ist transzendental“ (T-6.13), weil sie unaussprechbar ist (T-6.421) – im Gegensatz dazu beanspruche Transzendentalphilosophie sehr wohl aussprechbar zu sein durch sog. synthetische Sätze a priori. Dieser Einwand läßt sich aber insofern umdrehen, als gerade Wittgenstein auf einen Widerspruch innerhalb der Transzendentalphilosophie anspielt: wird nämlich behauptet, daß eine transzendentale Abhängigkeit besteht zwischen einem Satz (oder epistemologisch gewendet: einer Erkenntnis) und Bedingungen der Möglichkeit, so ist dabei unterstellt, daß der Satz sinnvoll ist; ist er sinnvoll, ist die Explikation seiner Bedingungen der Möglichkeit relativ überflüssig – auch Sinntheorie wäre so gesehen relativ überflüssig. Wird weiters unterstellt, daß er sinnvoll ist, weil die Bedingungen seiner Möglichkeit allgemeingültig sind (d.h. für alle Sätze gelten), so ist eine transzendentalphilosophische Explikation dieser Bedingungen der Möglichkeit absolut überflüssig und unsinnig, da sie selbst aus dem als allgemeingültig unterstellten Sprachsystem herausfällt. Der Anspruch der Transzendentalphilosophie, die Bedingungen der Möglichkeit aller Sätze zu formulieren, muß dem Traktat zufolge therapiert werden durch den Rekurs auf die Sprachpraxis, die vorderhand ohne Transzendentalphilosophie auskommt.