TLP-4.002 Die Umgangssprache ist ein Teil des menschlichen Organismus und nicht weniger kompliziert als dieser. s ist menschenunmöglich, die Sprachlogik aus ihr unmittelbar zu entnehmen.
D.h.: aus den äußeren, zufälligen Eigenschaften der Umgangssprache kann man nicht unmittelbar die wesentlichen Eigenschaften der Sprache entnehmen. Die Unterscheidung zwischen Zeichen und Symbol entspricht also der Unterscheidung zwischen „Oberflächengrammatik" und „Tiefengrammatik", oder auch zwischen „traditioneller Grammatik" und „logischer (universaler) Grammatik". Insgesamt: man kann nicht vom Zeichen auf das Symbol schließen oder von der Oberflächenstruktur auf die Tiefenstruktur:
TLP-4.002 Die Sprache verkleidet den Gedanken. Und zwar so, dass man nach der äußeren Form des Kleides, nicht auf die Form des bekleideten Gedankens schließen kann; weil die äußere Form des Kleides nach ganz anderen Zwecken gebildet ist als danach, die Form des Körpers erkennen zu lassen...
Die Ausdrücke „Sprachlogik" „(innere) Form" in TLP-4.002 betrachte ich als Synonyma zu: die wesentlichen Eigenschaften des Satzes. Insofern sind darin die formalen Bedingungen der drei Sinndimensionen enthalten. „Symbol" ist demnach zu differenzieren in (1) Symbol zum Ausdruck des Sinnessemantisch, (2) des Sinnes-syntaktisch und (3) des Sinnespragmatisch. Das ist auch mit Symbol und „Sinn"-Ausdruck in folgenden Traktat-Sätzen gemeint
TLP-3.31 Jeden Teil eines Satzes, der seinen Sinn charakterisiert, nenne ich einen Ausdruck (ein Symbol). (Der Satz selbst ist ein Ausdruck. Ausdruck ist alles, für den Sinn des Satzes Wesentliche, was Sätze miteinander gemein haben können. Der Ausdruck kennzeichnet eine Form und einen Inhalt.
TLP-3.311 Der Ausdruck setzt die Formen aller Sätze voraus, in welchen er vorkommen kann. Er ist das gemeinsame charakteristische Merkmal einer Klasse von Sätzen.
TLP-3.312 Er wird also dargestellt durch die allgemeine Form der Sätze, die er charakterisiert. Und zwar wird in dieser Form der Ausdruck konstant und alles übrige variabel sein.
Das Prinzip der Formalisierung, um das es hier geht, ist - umformuliert auf die semiotische Systematik der formalen Eigenschaften - folgendes: es wird vorausgesetzt, dass es eine „Klassifizierbarkeit" der Sinn-Ausdrűcke eines Satzes geben muss, und zwar relativ darauf, welchen Sinn sie ausdrücken (ob semantisch, syntaktisch oder pragmatisch) und welches die dafür wesentliche Eigenschaft ist. Eine wesentliche Eigenschaft eines Satzes ist, „was allen Sätzen, welche den gleichen Sinn ausdrücken können, gemeinsam ist" (TLP-3.341). Um auf die jeweilige wesentliche Eigenschaft 2zu kommen, werden die Ausdrücke der anderen Sinndimensionen ausgeklammert: was bleibt ist ein konstanter Ausdruck, der als solcher eine Klasse von Sätzen definiert mit der formalen Eigenschaft, dass ihr Sinn durch eben diesen Ausdruck bestimmt ist